Wenn wir doch nur echte Marktwirtschaft bzw. „echten” Kapitalismus hätten, ist eine Aussage, die immer noch recht häufig zu vernehmen ist. Wäre es nämlich so, dann wären die Banken längst pleite, die die Finanzkrise auslösten, gingen Autobauer pleite, die keine konkurrenzfähigen Produkte mehr anböten, würde das wunderbar harmonische evolutionäre System der Marktwirtschaft für die beste aller möglichen Welten sorgen. Inwiefern es sich bei diesen Leuten um Anhängerinnen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie (AGT) handelt, die genau dieses postuliert, ist mir nicht bekannt, jedenfalls schwärmen sie wissend oder unwissend von dem, was der deutsche Neoliberalismus mit „sozialer Marktwirtschaft” bezeichnet(e). Ihre theoretische Entsprechung findet sie jedenfalls im Wissenschaftsbetrieb in Gestalt der AGT.
Die folgende Überlegung soll darlegen, dass es sich dabei um einen Trugschluss handelt. In der AGT geht man davon aus, dass die Unternehmen mit steigender Betriebsgröße keine Kostenersparnis erzielen können, dass keine economies of scale vorliegen, wie dies im Ökonomenjargon auch genannt wird. Mag diese Annahme für einen Friseursalon noch plausibel erscheinen, sieht die Sache bei industrieller Produktion schon ganz anders aus. Lässt man economies of scale zu, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein gewisser Konzentrationsprozess einstellen. Eine Firma, die einen Kostenvorteil erzielen kann, kann billiger anbieten und Mitbewerber vom Markt verdrängen bzw. aufkaufen. Hat sie erst einmal eine gewisse Marktmacht erreicht, wird sie alles daransetzen diese zu erhalten oder gar auszuweiten. Das ist genau das, was die allgemeine Gleichgewichtstheorie von einem einzelnen Unternehmen erwarten würde, jedoch von vorne herein ausschließt.
Nun verhält es sich nicht so, dass die Ökonomenzunft nicht bemerkt hätte, dass nur sehr wenige Märkte nach der AGT funktionieren und ersannen Theoriezweige, die mit weniger Marktteilnehmerinnen operieren wie Spieltheorie oder die Theorie der monopolistischen Konkurrenz. Vom Grundprinzip der Gewinnmaximierung gehen diese freilich nicht ab, müssen aber Sanktionen für den Missbrauch von Marktmacht ersinnen, um den Wettbewerb nicht zu gefährden. Die Möglichkeit, dass Machtballungen entstehen können dergestalt, dass sie von Sanktionen nicht belangt werden können, wird in der Betrachtung allerdings ausgeschlossen. Sie gefährdet das Bild von der in sich stabilen Marktgesellschaft.
Wie nun ersichtlich sein sollte, gibt es eine starke Tendenz die postulierten Ergebnisse des freien Marktes zu unterlaufen, und dies aufgrund des angenommenen rationalen Nutzenmaximierers. Die Antworten, die man auf solche Fragen von Ökonomen erwarten kann, sind Aussagen wie: „In der Marktwirtschaft gibt es Gewinner und Verlierer.” oder „Nach der Krise ist vor der Krise.”. Letzteren Spruch hörte ich von einem VWL-Professor, der es ganz wunderbar fand, dass mit den innovativen Finanzprodukten der letzten Jahre endlich ein Stück ökonomische Theorie in die Praxis umgesetzt wurde, wohl in dem sicheren Bewusstsein selbst von den Fluktuationen des Finanzmarktes als Staatsbeamter nicht betroffen zu sein.
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